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Kann Suffizienz die Wohnungskrise lösen und dabei das Klima retten?

26.02.2025

Thomas Spinrath

M. A. Thomas Spinrath

thomas [dot] spinrath [at] rifs-potsdam [dot] de
Marion Davenas

M. A. Marion Davenas

marion [dot] davenas [at] rifs-potsdam [dot] de
Wohnungstausch-Kampagne der Stadt Freiburg
Die Stadt Freiburg vernetzt Menschen, deren Wohnbedürfnisse sich verändern.

In Deutschland und Frankreich mangelt es an bezahlbarem Wohnraum. Eine wichtige Ursache: Wohnraum ist immer ungleicher verteilt, während insgesamt die Wohnflächen pro Kopf stetig steigen. Das verstärkt nicht nur die Wohnungskrise, sondern macht auch Energieeinsparungen zunichte, die durch Gebäudesanierungen erreicht wurden. Zeit für kreative Lösungen, um den Wohnungsbestand besser zu nutzen. Wir stellen in einem Diskussionspapier Ansätze aus beiden Ländern vor.

Lokale kreative Lösungen

Im Jahr 2021 gewann die Stadt Brest im westlichen Zipfel Frankreichs plötzlich an Beliebtheit unter Studierenden. Für die sprunghaft gestiegene Zahl an jungen Menschen, die für ihr Studium in die Hafenstadt ziehen wollten, gab es nicht genügend Platz in den Wohnheimen. Die Stadt startete daher im selben Jahr eine Kampagne mit dem Aufruf, freie Zimmer an Studierende zu vermieten. Eine kreative Lösung, die nicht nur kostengünstig und flächensparend ist, sondern auch Chancen für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bietet. Oftmals sind es ältere Personen, die nach dem Auszug der eigenen Kinder freie Zimmer in ihren Häusern haben, die sie an junge Menschen (unter)vermieten können.

Die Stadt Brest wirbt seit 2021 für die Vermietung von Zimmern an Studierende.
Die Stadt Brest wirbt seit 2021 für die Vermietung von Zimmern an Studierende.

Eine Kommunikationskampagne allein löst noch keine Wohnungskrise. Das Beispiel lädt aber zu einem Umdenken in der Wohnungsfrage ein. Wir haben uns im Deutsch-Französischen Zukunftswerk auf die Suche nach kreativen lokalen Lösungen wie in Brest gemacht und stellen diese in einem Diskussionspapier vor. Es gibt im Wohnungsbestand enorme Potenziale, neuen Wohnraum durch Untervermietung, Umstrukturierung oder bedarfsgerechten Wohnungstausch zu schaffen. Der Wohnwendeökonom Daniel Fuhrhop spricht von „unsichtbarem Wohnraum“ und schätzt, dass sich in Deutschland jährlich das Äquivalent von 100.000 neuen Wohnungen mobilisieren lassen würden. Die Mobilisierung von Wohnraum im Bestand trägt auch zum Klima- und Umweltschutz bei. Denn neben dem Energieverbrauch bedeutet der steigende Wohnflächenverbrauch auch, immer mehr Flächen zu versiegeln und Ressourcen für Baumaterialien zu beanspruchen.

Suffizienzansätze haben viele Vorteile

Gerade Städte und Gemeinden haben als lokale Akteurinnen zahlreiche Möglichkeiten Wohnsuffizienz zu fördern – also Energie- und Flächeneinsparungen dank sozialer Innovationen. Eine spannende Beobachtung für uns: Die Kommunen, die in Deutschland und Frankreich Ansätze der Wohnsuffizienz verfolgen, machen dies nicht primär aus umweltpolitischen Gründen. Für sie hat die Mobilisierung von Wohnraum im Bestand zahlreiche weitere Vorteile. So zum Beispiel für die Gemeinde Hiddenhausen (Nordrhein-Westfalen): Sie erfand das Förderprogramm „Jung kauft alt“, das jungen Menschen Zuschüsse für die Begutachtung, den Erwerb und die Sanierung von Altbauten bietet. Die Gemeinde konnte damit junge Menschen anziehen, die Ortskerne wiederbeleben und die Zersiedlung begrenzen.

Die Gemeinde Hiddenhausen (NRW) wirbt dafür, dass junge Menschen in leerstehende Altbauten ziehen.
Die Gemeinde Hiddenhausen (NRW) wirbt dafür, dass junge Menschen in leerstehende Altbauten ziehen.

Eine Wohnraumverkleinerung oder eine Untervermietung kann auch individuelle Vorteile haben: Sinkende Energiekosten, weniger oder geteilte Instandhaltung und der Anreiz, Gemeinschaftsorte aufzusuchen und von den dortigen sozialen Kontakten zu profitieren. Umfragen zeigen, dass in Deutschland und Frankreich etwa ein Fünftel der Bevölkerung bereit wäre, sich wohnlich zu verkleinern (Gaspard 2024; WWF Deutschland 2024). Unter den 60- bis 69-Jährigen ist der Anteil noch höher. Wenn für diese Personen gute wohnortnahe Tauschangebote bestünden, dann ist Wohnsuffizienz kein Verzicht, sondern ein Gewinn an Freiheit. Fehlende Alternativen hindern viele Menschen derzeit daran, Wohnraum für diejenigen frei zu machen, die ihn dringend benötigen.

Es braucht ein politisches Umdenken

Die Wohnungskrise ist ein komplexes Problem und erfordert vielfältige Antworten. Dass Deutschland und Frankreich bisher vor allem auf den Neubau gesetzt haben, hat die Ungleichheiten in der Wohnraumverteilung nicht verringert und gleichzeitig für einen enormen Energie- und Flächenverbrauch gesorgt. Die lokalen Suffizienzansätze, die wir untersucht haben, bleiben in ihrer Wirkung bisher noch begrenzt. Das liegt zum einen daran, dass die großen Trends des Miet- und Immobilienmarktes in die andere Richtung wirken. Eine Wohnraumverkleinerung ist oftmals allein finanziell nicht attraktiv. Zum anderen sind wir aber auch kulturell daran gewöhnt, große Wohnflächen und Eigenheime als Statussymbole zu verstehen oder hängen emotional an ihnen. 

Der Blick auf die vielen Vorteile der Suffizienz kann helfen, die Perspektive zu wechseln. Allein der demographische Wandel und die alternde Gesellschaft machen es nötig, Wohnen und geteilte Solidarität neu zu denken. Hier können die lokalen Beispiele aus Deutschland und Frankreich zur Untervermietung oder zur Umbauberatung inspirieren.

Lesen Sie das vollständige RIFS Discussion Paper zur Wohnsuffizienz: 

Lesen Sie mehr zum Deutsch-Französischen Zukunftswerk und unseren Handlungsempfehlungen unter https://df-zukunftswerk.eu.

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