Ganzjährige Gemüseversorgung aus Brandenburg? Solidarische Landwirtschaft kann das und mehr!
25.02.2025

Wir alle tun es jeden Tag, meist früh, mittags und abends – dazwischen gelegentlich auch: wir essen. Dabei ist uns laut Umfragen nicht ausschließlich der Geschmack der Lebensmittel wichtig, sondern auch, dass sie umwelt- und ressourcenschonend bzw. ökologisch produziert sowie fair gehandelt werden. Viele der angebotenen Waren in Supermärkten sind jedoch weder regional noch saisonal, oder aus zertifiziert ökologisch fairem Anbau. Dabei bräuchten wir dringend eine Ernährungswende, wobei der Konsum pflanzlicher Lebensmittel besonders wichtig ist.
Brandenburg: 1,3 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche und nur 0,5 Prozent davon für Gemüseanbau
Für unsere RIFS-Podcast-Reihe Wandel Verhandeln. Nachhaltig in Brandenburg haben wir recherchiert, welche Möglichkeiten es für eine nachhaltige Gemüseversorgung in unserer Region gibt. Dabei haben wir festgestellt, dass in Brandenburg im Jahr 2024 nur ca. 6.200 Hektar, also lediglich 0,5 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Flächen, zum Anbau von Gemüse und Erdbeeren genutzt wurden. Davon entfallen die größten Flächenanteile auf den Anbau von Spargel (3.517 ha) und Einlegegurken (466 ha) – und so lecker die sind, reichen sie nicht für eine ganzjährige und vollwertige Gemüseversorgung aus.
Daher ist besonders interessant, was sogenannte Solidarische Landwirtschaftsbetriebe (SoLawi) leisten, von denen es aktuell 32 in Brandenburg gibt. Diese schaffen es, ihre Mitgliedshaushalte das ganze Jahr über mit regionalem, saisonalem Gemüse und teilweise auch anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu versorgen. Dazu legen die Mitglieder zusammen, um gemeinsam einen am Anfang des SoLawi-Wirtschaftsjahres berechneten finanziellen Richtwert zu erreichen, der für die Gemüseerzeugung mit regenerativen Methoden zu möglichst fairen Arbeitsbedingungen notwendig ist. Dafür erhalten sie einen wöchentlichen Ernteanteil, den sie auf dem SoLawi-Hof oder in einem Depot abholen oder manchmal auch geliefert bekommen.
„Heute gibt es zwei Sorten Kartoffeln, mehlig und festkochend, Kürbis, Zwiebeln, noch mit Grün, Radieschen, Tomaten und Wirsing… und dann, die bestellt haben, Eier von einem befreundeten Hof.“ Erwine, SoLawi Havelknolle
Von den 32 Brandenburger SoLawis sind ca. ein Drittel kleinere SoLawis, die jeweils bis zu 50 Haushalte versorgen und zwei Drittel größere Initiativen, die wöchentlich frisches Gemüse, Obst sowie z.T. tierische Produkte für bis zu 350 Haushalte erzeugen. Die mit Abstand größte Brandenburger SoLawi hat derzeit eine maximale Mitgliederanzahl von 850. Eine SoLawi könnte also einen kleinen Ort das ganze Jahr über mit frischen Erzeugnissen versorgen.
„Da ist von der Studentin bis zur Rentnerin alles dabei.“ Jenny, SoLawi Havelknolle
Während es bei manchen SoLawis statt eines Festbetrags gestaffelte Beiträge gibt, so dass jede*r entscheiden kann, den ermäßigten, normalen oder solidarischen Beitrag zu zahlen, nutzen andere SoLawis sogenannte Beitragsrunden, in denen jede*r anonym den persönlichen Monatsbeitrag festlegt, bis für alle der Gesamtrichtwert erreicht wird. Somit kann sich jede*r entsprechend dem eigenen Einkommen beteiligen und die Gemeinschaft ist untereinander solidarisch. Zudem wird Solidarität mit dem Hof und den Gärtner*innen gelebt, indem Planungssicherheit durch die jährliche Mitgliedschaft gewährleistet wird und sich alle auch ganz praktisch mit gärtnerischer oder logistischer Unterstützung einbringen können.
„Und allein dieses Ackern auf dem Acker in Gemeinschaft, nette Leute kennenlernen, rundum Wohlfühlpaket.“ Erwine, SoLawi Havelnolle
Viele SoLawis bieten unterschiedliche Anteilsgrößen an. Ein kleiner Ernteanteil reicht meist für zwei, ein großer für vier Personen. Die monatlichen Kosten für einen Ernteanteil sind von SoLawi zu SoLawi unterschiedlich und liegen je nach angebotenen Erzeugnissen zwischen 60 und 140 €. Vergleicht man das mit den 62 €, die laut statistischem Bundesamt pro Haushalt in Deutschland durchschnittlich pro Monat für Obst, Gemüse und Kartoffeln ausgegeben werden, entsprechen die Kosten für eine nachhaltig-regionale Versorgung dem preiswerteren SoLawi-Angebot, wobei Supermarktprodukte mit der Qualität und Frische von SoLawi-Erzeugnissen nicht mithalten können.
Die Tätigkeit von SoLawi-Gärtner*innen ist sehr vielseitig und reicht vom Gemüsebau über Mitgliederkommunikation und -organisation bis hin zu Bildungs- und Kulturarbeit. Viele SoLawi-Verantwortliche erleben ihre Arbeit als sehr sinnvoll und erfüllend. Allerdings locken körperliche Arbeitsbelastung und Einkommensperspektiven nur wenige Menschen in den Beruf. So haben im Jahr 2023 in Brandenburg nur drei Personen ihre Abschlussprüfung im Fach Gemüsebau abgeschlossen.
„Und aus meiner Erfahrung sind Mitglieder die Letzten, die sagen, das ist uns zu teuer, wir wollen, dass du weniger Lohn kriegst.“ Philipp Andreß, SoLawi Kantoffel
Eigentlich müssten Menschen, die sich für das Gemeinwohl und den Erhalt unserer Lebensbedingungen einsetzen, von ihrer Arbeit gut leben können und nachhaltige Angebote müssten erschwinglicher Standard für alle sein. SoLawi beweist, dass das funktionieren kann, wenn wir solidarisch miteinander sind. SoLawi kann in Zeiten der sozial-ökologischen Krise dazu beitragen, Ernährungssouveränität auch im ländlichen Raum zu gewährleisten. Dabei könnte zusätzlich zu einer individuellen Haushaltsversorgung die Gemeinschaftsverpflegung in Bildungs- und Pflegeeinrichtungen sowie Kantinen auf nachhaltige, regionale und saisonale SoLawi-Erzeugnisse umgestellt werden. So könnten auch Menschen, die nicht täglich selbst kochen, von der regionalen Versorgung profitieren, es würden Arbeitsplätze geschaffen und Geld, das täglich für Lebensnotwendiges ausgegeben wird, bliebe in der Region.